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Wenn wir an Kamele denken, sehen wir sofort die heißen Wüsten Arabiens oder die endlosen Weiten der Sahara vor uns. Aber wussten Sie, dass Kamele auch in Europa leben? Von den Alpen bis nach Holland gibt es eine kleine, aber wachsende Gemeinschaft von Kamelhaltern, die mit den Tieren nicht nur Touristenattraktionen betreiben, sondern auch hochwertige Kamelmilch produzieren und sogar in der Therapie einsetzen. Dieser Artikel gibt einen Überblick über die überraschende Welt der Kamele in Europa und zeigt, wie das Wüstenschiff die Alpen erklommen hat.
Kamele sind in Europa keine völlig neuen Gäste. Bereits die Römer importierten Dromedare für ihre Feldzüge im Nahen Osten und stellten sie bei Triumphzügen zur Schau. Im Mittelalter brachten Kreuzritter und Händler vereinzelt Kamele nach Italien und Frankreich. Aber eine echte Etablierung als Nutztiere fand nie statt – zu kalt, zu nass, zu ungeeignet. Erst im 20. Jahrhundert begannen Zirkusse und später Zoos, Kamele dauerhaft in Europa zu halten. Die eigentliche landwirtschaftliche Nutzung ist jedoch ein Phänomen der letzten 20 Jahre.
Die Niederlande sind führend in der europäischen Kamelmilchproduktion. Auf der Kamelenmelkerij Smits in Berkel-Enschot, unweit von Tilburg, werden seit 2006 Dromedare gehalten und gemolken. Die Farm begann mit wenigen Tieren und zählt heute über 60 Milchkamele. Ihre frische Kamelmilch wird direkt ab Hof verkauft und über den Online-Shop in mehrere europäische Länder versandt. Auch in Deutschland gibt es Pioniere: In Baden-Württemberg und Bayern betreiben einige Landwirte kleine Kamelherden und vermarkten Kamelmilch, Kamelfleisch und sogar Kamelwolle.
Der größte Kamelhof Deutschlands liegt in Freising, wo der „Bayerische Kamel-Polo-Cup" ausgetragen wird und Besucher die Tiere hautnah erleben können. Die Betreiber setzen bewusst auf artgerechte Haltung und haben bewiesen, dass Kamele auch in gemäßigtem Klima gut gedeihen, wenn sie einen trockenen, windgeschützten Unterstand und ausreichend Bewegung haben.
Dass Kamele auch in den Alpen zurechtkommen, zeigt ein Projekt in der Steiermark, Österreich. Auf einem Biobauernhof in der Nähe von Graz werden seit 2018 Dromedare als Landschaftspfleger eingesetzt. Sie fressen auf den steilen Almwiesen Büsche und Disteln, die für Rinder unerreichbar sind, und tragen so zur Offenhaltung der Kulturlandschaft bei. Die robusten Tiere kommen mit den Temperaturschwankungen erstaunlich gut zurecht und sind inzwischen eine Touristenattraktion. Der Hof bietet Kameltrekking und Kamelpicknicks an und zeigt, dass sich traditionelle Almwirtschaft und exotische Tierhaltung nicht ausschließen müssen.
Ein besonders faszinierender Aspekt der Kamelhaltung in Europa ist der Einsatz in der tiergestützten Therapie. Mehrere Einrichtungen in Deutschland und den Niederlanden nutzen Kamele für die Arbeit mit Kindern mit Behinderungen, Autismus-Spektrum-Störungen oder Traumata. Kamele strahlen eine ungewöhnliche Ruhe aus, sind neugierig, aber nicht aufdringlich, und ihre Größe flößt Respekt ein. Der Kontakt mit den Tieren fördert Konzentration, Selbstvertrauen und nonverbale Kommunikation.
Die Organisation „Kamele helfen Menschen" in Niedersachsen bietet regelmäßig Therapiestunden an und berichtet von beeindruckenden Erfolgen. Die langsamen, bedächtigen Bewegungen der Kamele wirken beruhigend, und das Führen eines so großen Tieres stärkt das Selbstbewusstsein der Patienten enorm.
Kamelhaltung in Europa ist nicht ohne Hürden. Die Tiere benötigen spezielle Fütterung, da herkömmliches Gras oft zu proteinreich ist und Verdauungsprobleme verursachen kann. Die Feuchtigkeit im Winter führt zu Klauenproblemen, weshalb trockene, eingestreute Ställe essenziell sind. Auch die tierärztliche Versorgung ist kompliziert, weil viele Tierärzte keine Erfahrung mit Kamelen haben. Dennoch zeigen die Erfolge der Pioniere, dass es machbar ist, und das wachsende Interesse an regionaler, nachhaltiger Kamelmilch wird die Szene weiter beflügeln.
In Zeiten von Klimawandel und sinkender Rentabilität der klassischen Milchviehhaltung suchen Landwirte nach Alternativen. Das Kamel, das mit weniger Wasser auskommt und auf Grenzertragsböden leben kann, könnte eine solche Alternative sein. Allerdings ist der Markt für Kamelmilch und Kamelfleisch noch sehr klein, und die gesetzlichen Vorschriften für die Haltung von Exoten sind streng. Dennoch: Die ersten Schritte sind getan, und es ist gut möglich, dass wir in den nächsten Jahrzehnten mehr Kamele auf Europas Weiden sehen werden.
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